Morgendlicher Blick aus dem Hotelfenster in Boston

Das Four Points Sheraton Revere hat mich dann am Ende eines langen Tages im „East Tower“ untergebracht. Das ist eine sehr amerikanisch-vornehme Umschreibung für Dienstbotenquartier, das wir in der Hochsaison für teuer Geld an Touristen aus Old Europe vermieten. Dafür gibt es aber auch hier 8 Handtücher, 77 Kabelkanäle und ein 8.000-Kalorien-Frühstück.

Bonus dieses Hotels ist allerdings, dass es nicht völlig im Niemandsland liegt, wie es amerikanische Hotels gerne tun. Es sind gleich mehrere Läden, Supermärkte und Restaurants in der Nähe und die letzteren sind sogar vorwiegend keine Kettenfilialen und so komme ich sogar noch zu einem wirklich guten Abendessen in „Nick’s Bistro“. Der Laden sieht erst mal nach nach nichts aus, aber der Fisch ist unglaublich gut gemacht, saftig und lecker (Gebackener Schellfisch mit hausgemachter Remouladensoße, frischem Coleslaw und dicken Steak Hose Fries).

An dieser Stelle noch ein Wort zu amerikanischen Hotels/Motels. Alle sehen immer so aus:

  • Umgeben von einem großen Parkplatz, dieser gesäumt von bunten Blumenrabatten/Granulat/Mulch, Blumen, Stauden, kleine, rotblättrige Bäume
  • Auffahrt mit einem pyramidenartigem Dach; Architrav getragen von pseudo-dorischen Säulen
  • Innen wild gemusterte Teppiche, glänzend polierte Steinoberflächen, Messing, rotbraune Holzfurniere
  • Pool von der Größe dreier Badehandtücher
  • Gym mit genau 6 Geräten, in dem nie jemand trainiert
  • Eine Ecke mit Getränke- und Snackautomaten und Eismaschine

Die Zimmer riesig, mit hohen, meist sehr bequemen, Betten. Diese sind in den unteren Preisklassen mit einem grün-blau-orange-weißen Polyesterüberwurf (Foto s. u.), ab der Mittelklasse von einem Bettläufer in Schlamm/braun/schilftönen bedeckt. Auf dem Bett 4-8 Kissen.

Polyesterüberwurf in Amerikanischem Hotel
Polyesterüberwurf in Amerikanischem Hotel

Großer Fernseher. In diesem läuft Werbung, Nachrichten [Raubüberfall, Kongressabgeordneter muss wegen Affäfe zurücktreten, Obamacare ist Sozialismus, Schießerei, Amokfahrt, Flugzeugabsturz, Europa hat irgendwelche Schwierigkeiten mit seiner Währung Eurodollar, oder wie die heißt, Kind/Tier/Japaner macht lustige Dinge, Wetter (irgendwo in Amerika ist es heiß/kalt/windig/naß)]; Werbung, Talkshows, Werbung, 2.Weltkrieg-Dokus, Werbung, komischer Sport mit vielen Werbeunterbrechungen, Kochshows, Big Bang Theory, Werbung, Serien und so gut wie nie mal ein zusammenhängender Kinofilm. Die Werbung ist am ersten Abend lustig, nervt aber ziemlich bald.

Meistens noch ein kleiner Kühlschrank, gelegentlich eine Mikrowelle, in die man sich ein gefrostetes TV-Dinner schieben kann und dann abends auf dem Zimmer endgültig wie ein amerikanischer Handlungsreisender auf fühlen kann.

Die Marken- und Preisdifferenzierung bildet sich dabei eher auf der Mikroebene ab, wie der BWLer sagen würde. Dazu ein Fallbeispiel:

Differenzierungsartikel im US Hotelmarkt
Differenzierungsartikel im US Hotelmarkt

Auf dem Foto sind Objekte abgebildet, an denen man unschwer erkennen kann, dass man sich in einem Haus der gehobenen Mittelklasse befindet:

  • gratis Wasserflasche (diese hebt das Hotel aus der normalen Mittelklasse heraus)
  • Zahnputzbecher aus Plastik (Glas erst ab Oberklasse
  • Kaffeemaschine mit Papierbecher (Porzellantasse erst ab Oberklasse), Kaffeesahne (ein Mittelklassemerkmal!, darunter wäre es Kaffeeweißer aus dem Papiertütchen)
  • Das neckische Rupfensäckchen, in dem die Kaffeepads (untere Mittelklasse wäre Kaffeepulver) stecken, stellt einen unangemessenen Anklang in Richtung Oberklasse dar!

    Blick aus dem Hotel in Boothbay Harbour

    Regen in Boothbay Harbout Maine
    Regen in Boothbay Harbout Maine

    Zwischen beiden Aufnahmen: Viel Regen!

    [PS Am Morgen danach in den News: Jahrhundertregenrekord in Portland Maine – ich war dabei!]

6 Gedanken zu “Morgendlicher Blick aus dem Hotelfenster in Boston

  1. ich bin stolz auf die Verwendung des Wortes ARCHITRAV. Da hat sich die Korrektur meiner Abschluss und Diss-arbeiten ja gelohnt.
    Ansonsten sehr schön die subtilen differenzierungen ausgeführt!
    Und ich hoffe, dein Wetter bessert sich. Bei uns tut es da. Es sonnt statt regnet. So soll es sein im Juni, bald Juli. Auch offiziell und so: Kuss

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  2. Holldrion ins Boston-Loh!

    Nachdem mein letzter Kommentar wahrscheinlich am mittelantlantischen Rücken hängen gebliegen ist, hier ein kurzer Test…falls erfolgreich wage ich´s nochmal….grrrrr

    Edi

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  3. Holldrio ins Obama-Loh!

    Nachdem nun 2 Kommentare am mittelantlantischen Rücken gestrandet sind hier nun ein 3. Test…wenn er klappt versuch ich´s nochmal…grrrr. Dein Blog ist mal wieder der Brüller!

    Fußball ist ein kommunistisches Komplott!

    Edi

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  4. Griaß Di Tobse,

    das neckische Rupfensäckchen ist mir auch gleich aufgefallen…fast schon vulgär hebt es sich gegen das Kunststoff-Mahagoni-Imitat-Furnier ab. Aber ansonsten bin ich über die reichhaltige Ausstattung an Produkten des täglichen Bedarfs stark beeindruckt. Schmerzlich erinnere ich mich an Erlebnisse in hiesigen „Mittelklasse“-Hotels: Bremsspuren im Klo, klebriges Gekrümel im Eingangsbereich (stets bereit barfuß ins Bett transportiert zu werden…) und durch Handlungsreisenden-Resttröpfchen zerstörte Teppichlandschaften im Nasszellenbereich. In der Minibar dann globalisierte Plörre (Beck´s, Warsteiner…etc…brrrr) zu skandinavischen Preisen. Super ist Deine Hotel-Motel-Beschreibung! Vielen Dank auch für die zuverlässige Erledigung verschrobener Fotowünsche! Der Polyesterknisterüberwurf ist aktuell der absolute Favorit, das Flugzeugbild war aber auch echt der Brüller! Die Bordsprache war wahrscheinlich bis zum Öffnen der Türe in Boston Französisch oder unter starken Krämpfen gesprochenes Englisch, also auch Französisch. Freu mi scho wia d´Sau auf die nächsten Bildle! Mach´s gut in der neuen Welt, bis heute Abend

    Edi

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