Ein Sonntag am Fluss Cheonggyecheon, Seoul

Sonntagsspaziergang entlang eines ambivalenten Stadterneuerungsprojekts

 

Nachdem Taifun Lingling alle Pläne für einen Besuch der Demilitarisierten Zone (DMZ) zu Nordkorea verweht hatte, denn die Einrichtungen dort bleiben noch einige Tage geschlossen, brauchte es einen Plan B für einen heißen Spätsommertag in Südkoreas Hauptstadt. Der „Spaziergang an einem renaturierten Fluss“, der an seinen etwa 10 Meter unter dem Straßenniveau liegenden Ufern seine Umgebung bis zu 5 Grad kühlere Umgebungstemperaturen bietet, las sich da verlockend im Reiseführer – zumal ja solche Spaziergänge wie der Highline Walk in New York oder der Regent’s Canal in London zu meinen großen Favoriten bei Städtereisen gehören.

Fluss zurück ans Licht

Auch jenseits der kühlen Temperaturen ist der Cheonggyecheon ein hochinteressantes Projekt. Die Wiederbelebung dieses wichtigen Seouler Flusses begann als groß angelegtes Stadterneuerungsprojekt im Jahr 2003 und nach beeindruckend kurzen 26 Monaten Bauzeit waren im September 2005 die knapp 11 KM Flusslauf wieder ans Licht gebracht.

„Quelle“ des Cheonggyecheon in Seoul

 

Cheonggyecheon in Seoul

 

 

Cheonggyecheon in Seoul

Zu sagen, dass er damit „wiederbelebt“ oder „in seinen Originalzustand zurückversetzt wurde“ greift indes zu kurz, denn der Cheonggyecheon war seit jeher mehr zentraler Waschplatz, Trinkwasserquelle und Abwasserkanal der Stadt. Seine Begradigung begann schon unter König Taejon (1367-1422). Die Abholzung der Wälder rund um Seoul und die Lage der Stadt zwischen steil aufragenden Hügeln führten immer wieder zu Sturzfluten, die auch durch das Bett des Cheonggyecheon abgeleitet werden mussten.

 

Historischer Hintergrund

Pläne zur Überbauung des wenig ansehnlichen Wasserlaufes gab es schon unter der japanischen Kolonialregierung. Realisiert wurden sie jedoch erst in den 1960er Jahren, nachdem die Zustände an den Ufern durch massive Ansiedlungen von Flüchtlingen in primitiven Hütten im Nachgang des Koreakrieges (1950-53) unhaltbar geworden waren. Ab 1958 wurde der Fluss nach und nach zubetoniert und 1976 von einer Stadtautobahn auf Stelzen überbaut. Diese galt als Musterprojekt im fiebrigen Wirtschaftswunder des Tigerstaates Südkorea. Die Bewohner des Elendsviertels wurden in teilweise schlecht geplante, unfertige und weit außerhalb gelegene Großwohnkomplexe umgesiedelt. Im Rahmen dieser Maßnahmen kam es zu Unruhen und gewaltsamen Protesten, die von der damaligen Militärregierung mit Härte bekämpft wurden.

Gerade Mal ein Vierteljahrhundert nach ihrer Fertigstellung bescheinigten Bauingenieure und Statiker der Korean Society of Civil Engineering der Stadtautobahn massive strukturelle Probleme, die groß angelegten Reparaturen notwendig gemacht hätten. Da Seoul in dieser Zeit zudem vor einem Verkehrsinfarkt stand, mit hoher Luftverschmutzung und einem massiven Artensterben zu kämpfen hatte, entschloss sich die Stadtregierung unter Bürgermeister Lee Myung Bak zu einem sozial-ökologischen Vorzeigeprojekt und stellte dafür fast das Vierfache der veranschlagten Straßenbaukosten zur Verfügung.

 

Reste der ehemaligen Stadtautobahn am Cheonggyecheon in Seoul

Gesellschaftlich sollte der neue Wasserlauf als Treffpunkt und Bühne dienen. Archäologische Ausgrabungen vor dem Umbau förderten zudem zahlreiche Artefakte zu Tage, die im, phantastisch gut gemachten Cheounggyecheong Museum ausgestellt sind, was, so die Hoffnung, auch zu einer Stärkung der kulturellen Identität im oft als etwas gesichtslos empfunden Seoul, beitragen soll.

 

Cheonggyecheon Museum in Seoul

 

Bebauung aus der „Favela“-Zeit des Cheonggyecheon in Seoul

Nur geschicktes Greenwashing?

Ob das Projekt nun wirklich eine ganzheitliche Stadterneuerung vorgebracht hat, oder mehr ein vorzeigbares Feigenblatt ist, wird kontrovers diskutiert. Seine doch sehr ins Auge fallende künstliche Natürlichkeit, vor allem im oberen Drittel, ist auch mir aufgefallen.

Wasserfall am Anfang des Cheonggyecheon in Seoul

 

Natur und Architektur am Cheonggyecheon in Seoul

 

Cheonggycheong in Seoul

Ein Kritikpunkt ist auch, dass der Fluss unter der sichtbaren Oberfläche erneut auf einem betonierten Bett fließt und mit Pumpen aus Grundwasser und dem Han-Fluss gespeist wird. Da dennoch nicht immer eine ausreichende Durchflussmenge erreicht wird, entstehen gelegentlich Blaualgenteppiche.

Auch die Tatsache, dass sich im überklaren Wasser heute zwar mehr als 25 Fischarten tummeln, dies aber gerne mal bäuchlings nach oben, wenn nach einem Sturzregen die Seouler Kanalisation über- und in den Cheonggycheon fließt, kann man durchaus als absurd empfinden.

Bewohner des Cheonggyecheon in Seoul

 

Ein ganz klein wenig verdächtig macht auch, dass in Projektberichten immer wieder recht freudig betont wird, dass sich die Immobilienpreise entlang des Projekts doppelt so schnell entwickelt haben wie im städtischen Durchschnitt.

Berichte wie der UN Report Urban Patterns for a Green Economy oder der von Colin Marshall im Guardian bescheinigen dem Projekt dennoch großen Zuspruch. So ganz konnte ich das vor Ort nicht bestätigen und fand an einem Spätsommertag Anfang September 2019 eher wenige andere Spaziergänger vor. Das ist natürlich eine Momentaufnahme, doch es gab auch andere Hinweise auf eine zurückgehende Nutzung wie teilweise überwucherte Sitzbänke, etwas Müll und einige Obdachlose unter den Brücken. Alles nicht dramatisch, doch für Südkorea etwas ungewöhnlich. Von einem Besuch sollte einen das auf keine Fall abhalten, denn ein angenehmer, grüner Ort in einer doch manchmal etwas grauen Stadt ist der Cheonggycheon auf jeden Fall.

 

Unterlauf des Cheonggycheong in Seoul

 

Mündung des Cheonggyecheon in den Hangnang in Seoul

Bildergalerie

Praktische Informationen:

Start des Spaziergangs an der bunten Muschelschnecken-Skulptur an der Sejong Daeron (Kreuzung Cheonggycheong-ro) in der Innenstadt von Seoul; nächstgelegene U-Bahnstation „City Hall“ (Linien #1, #2).

Der Weg teilt sich in drei in etwa gleich lange Teile, die zunehmend weniger gestylt wirken.
Nach ca. zwei Dritteln der Wegstrecke liegt das besuchenswerte Museum kurz vor den Brücken des Naebu Expressway am südlichen Ufer. Dahinter geht der gestaltete Flussbereich langsam in die Grün- und Sportanlagen eines Wohnkomplexes über bevor der Cheonggycheon in den Fluss Hangang mündet.

Alle Teile nur sehr eingeschränkt barrierefrei!

Zurückfahren kann man von der Station „Yondu“ nahe dem Museum oder „Sindap“ etwas weiter flussabwärts  Wer bis zur Mündung läuft, kommt von der Station „Hanyang University“ zurück (alle Linie #2).

Alle Abschnitte/Entfernungen und die Abzweigungen zur U-Bahn sind gut ausgeschildert.

Einkehrmöglichkeiten/Toiletten gib es direkt am Fluss nicht. Man kann aber ca. alle 500 Meter auf das Straßenniveau zurückgehen und findet dort überall Restaurants und kleine Läden.

 

 

2 Gedanken zu “Ein Sonntag am Fluss Cheonggyecheon, Seoul

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